9.03 – Bsatzig

Ämterbesetzung in den Kreisen laut Kantonsverfassung

Die Bsatzig fand seit 1851 erst zwei-, dann drei- und zuletzt vierjährlich (entsprechend der Verlängerung der Legislaturperioden des Grossen Rates) am ersten Sonntag im Mai in St. Peter auf der Wiese seitlich neben der Dorfkirche statt. Gewählt wurden der Landammann, das Kreisgericht, der Vermittler und der/die Abgeordneten in den Grossen Rat.

Arosa wurde nach Jahrhunderten der Zugehörigkeit zu Davos anno 1851 dem Kreis Schanfigg zugeteilt, genau gleich wie das ehemals selbstständige Gericht Langwies. Der Haupt- und Gerichtsort des neuen Kreises Schanfigg wurde St. Peter.

Tschiertschen und Praden gehörten seit 1851 zum Kreis Churwalden und hatten ihre Landsgemeinde dort. Auf den 1. Januar 2016 wurden die Bündner Wahlkreise abgeschafft. Seither gibt es die Bsatzig nicht mehr.

Der Castieler Sebastian Pieth erzählt 1926 von der Schanfigger Psatzig (Bündner Walser erzählen, CD der Walservereinigung). Hier einige Sätze gekürzt und in Schriftdeutsch: Schon zu Beginn des Jahres werden in den Familien Vorbereitungen getroffen, denn alle kleinen Kinder müssen neu eingekleidet werden. Die der Schule entwachsenen Mädchen erhalten zwei neue Kleider, eines für den Psatzig Sonntag und eines für den Psatzig Montag. Auch die Erwachsenen müssen neue Kleider haben. Es geht nicht um die Schönheit, sondern um den Reichtum.

Am Sonntag versammelt sich das Volk vom Ausser- und Innerschanfigg in St. Peter auf dem Wahlplatz, wo die Männer das Gericht bestätigen bzw. neu wählen. Anschliessend wird in einem Gasthaus zu Mittag gegessen oder man isst das Mitgebrachte aus dem Psatzigpüntel. Nun begibt man sich auf den Tanzplatz hoch über St. Peter, wo Musikkapellen zum Tanz aufspielen.

Foto: Im Hintergrund sieht man die Peister Musikgesellschaft uniformiert und mit ihren Instrumenten. Die Aufnahme entstand vor 1934, denn nach 1933 trat die Musikgesellschaft nicht mehr auf. Eine kurze Zeit ab 1957 wurde wieder gespielt, doch die Proben und Auftritte versandeten bald.

Die Frauen hatten damals noch kein Stimmrecht und mussten sich mit Zusehen begnügen.

In den Fünfzigerjahren stellten St. Peter, Pagig und Molinis die eine von zwei Musikkapellen, Peist die andere. Für deren Entlöhnung, den Bau der Bühnen und das Aufstellen von Tischen und Bänken waren die Ledigä zuständig und verantwortlich.

In der Nacht vom Sonntag auf den Montag spielte die Peister Kapelle in Peist auf, die andere in St. Peter. Am Montagnachmittag ging der Tanz auf den Bühnen über St. Peter weiter, in der Nacht auf den Dienstag wieder in den zwei Gemeinden. Wer bis in die Morgenstunden durchgetanzt hatte, war am Dienstagmorgen nach zwei Freinächten kaum mehr imstande, den Haushalt zu machen oder eine Kuh zu melken, geschweige denn an einer Schule in Chur dem Unterricht zu folgen.

Die Musikanten machen Pause.

In Erinnerung an die jahrhundertelange eigene Gerichtsbarkeit hatte Langwies eine Woche später eine eigene Bsatzig, an welcher aber nur mehr die eigene Gemeindebehörde gewählt wurde. Die Feierlichkeiten erstreckten sich ebenfalls über zwei Tage und Nächte!

G. und M. Mattli schreiben zur Schanfigger Bsatzig in St. Peter ausführlich im Buch Vom Bündnervolk und Bündnerland von Jos. Hartmann, Kantonaler Lehrmittelverlag Graubünden 1958. In diesem Buch erfahren wir viel Wissenswertes, beispielsweise zum Handwerk in Graubünden (Die Peister Meister u.a.).