6.8 – Padrutt Donau

Aufzeichnung von1969, gekürzt: Am 15. März 1876 bin ich, Bürger von Pagig und Lüen, als Sohn des Georg Donau und der Maria Hold aus Arosa, in Arosa auf der Egga – im heutigen Schanfigger Heimatmuseum – geboren: Im Winter 1883/84 besuchte ich die 1. Klasse in Pagig, da in Arosa ausser mir nur ein schulpflichtiger, Knabe – Chrischta Marugg, Leinegga-Hitti genannt – lebte. So wurde in diesem Winter in Arosa nur dieser Knabe von Luzi Brunold unterrichtet. Im Winter 1884/85 gar hielt man in Arosa keine Schule. Chrischta Marugg besuchte die Schule in Langwies unter Luzi Hold, ich dagegen jene in Pagig.

Mit dem Bau der Strasse Langwies-Arosa im Jahre 1888 nahm es mit dem Saumverkehr ein Ende. Bis dahin hatte täglich ein Postbote den Weg vom Postbüro in der Seegrube nach Langwies gemacht. Er wurde der ‹Bott› genannt. Auch die Zusennen in den Churer Alpen saumten fast täglich die Molchen nach Langwies und abends Ware nach Arosa hinein.

Als Sieben- und Achtjähriger verdiente ich mir während des Sommers im Hotel Waldhaus als Kegelbub einige Franken. Dabei hatte ich noch die Aufgabe, die Kühe des Besitzers auf die Weide im Mühleboden zu treiben und abends wieder in den Stall.

Im Frühling 1885 zog die Familie nach Churwalden, um dort eine Pacht zu übernehmen. Doch schon ein Jahr später zogen wir nach Masans hinunter, wo mein Vater das Heimwesein ‹Alte Sonne› gekauft hatte. So besuchte ich denn 1886/87 die Unterschule und 1887/88 die Masanser Oberschule. Bald darauf verkauften die Eltern das Masanser Heimwesen und zogen nach Pagig. Im Frühling 1889 zogen wir nach Obertschappina. 1890/91 besuchte ich an der Kantonsschule die 2. Klasse der Realabteilung. Die Rhätische Bahn existierte damals noch nicht, und so musste die Reise in die Stadt und die Rückkehr in die Ferien nach dem Heinzenberg jeweilen zu Fuss bewältigt werden.

Im Herbst 1892 begab ich mich nach Rom, um im Hotel Eden eine Kellnerlehre anzutreten. Nach Abschluss der Lehre, im Frühling 1894, verliess ich Rom und reiste nach Paris, ohne indessen eine Stelle in Aussicht zu haben. Am ersten Tage ging ich nur immer die Strasse auf und ab, aus Furcht, mich in der Grossstadt zu verlieren. Nach etwa zehn Tagen fand ich in einem älteren Hotel eine Stelle als Officier zum Abwaschen des Frühstückgeschirres, des Besteckes und der versilberten Platten. Ausser der Abwascherei hatte ich nachmittags jeweilen im Keller Flaschen zu reinigen und Wein abzufüllen.

Stationen im Leben von Padrutt Donau

Im Frühling 1895 wollte ich wieder weiterreisen. Ich kündigte meine Stelle, die ich vierzehn Monate lang versehen hatte, und fuhr nach London. Es gab damals zahlreiche Platzierungsbüros. Nach einigen Tagen fand sich eine Stelle als Bedienter bei einer Herrschaft in Dublin. Meine Kenntnisse der englischen Sprache resultierten aus zehn Privatstunden zu zwanzig Rappen.

Als ich später jene Stelle wechseln wollte, trug mir die Dame eine gute Stelle im Haushalt ihrer Tochter an. In deren grossem Hause in Bristol sollte ich nun als Butler funktionieren, ein ganz verantwortungsvoller Posten, für den ich aber fast zu jung war. Auch eine Farm war vorhanden, welche das Haus mit ihren Produkten belieferte. Im Frühsommer wurde dann auf den verschiedenen, meist eingezäunten Wiesen das Heu eingebracht. Schon am frühen Morgen ratterten die Mähmaschinen, von zwei Pferden gezogen, über die Felder. Für das Heu sind in England keine Ställe vorhanden. Es werden bei den Farmgebäuden einfach grosse kegelförmige Tristen errichtet. Darüber wird ein Dach aus Stroh geflochten. Das Futter wird den Tieren wintersüber in offenen Bretterschuppen verabreicht. Die Schafe halten sich während des ganzen Jahres im Freien auf. Ich blieb zweieinhalb Jahre an dieser Stelle. Leider gab es mit den jungen Gehilfen im Haushalt immer wieder Schwierigkeiten, immer wieder musste Personal gewechselt werden, so dass ich schliesslich den Verleider bekam.

1900 kündigte ich meine Stelle und fuhr wieder nach London. Es fand sich eine neue Stelle bei einer reichen Amerikanerfamilie in Pau (Südfrankreich). Ich war Leibdiener der alten Dame und hatte alles zu besorgen, was für sie in Betracht kam. NatürIich hielt sie sich noch ihre eigene Zofe. Ich begleitete die Dame zur Kur nach Vichy, an die Weltausstellung 1900 in Paris und in ein Ferienhaus in London.

Nach einem Besuch in der Heimat fand ich wieder eine Stelle in London. Meine Herrschaft besass ein Schloss, damals noch ohne elektrisches Licht. Sie verkehrte in den vornehmsten Kreisen, auch am englischen Hofe. Mehrmals begleitete ich die Herrschaft auf Reisen auf dem Kontinent, einmal zu einem längeren Aufenthalt in Wiesbaden, einmal nach Paris, alsdann nach Venedig, Florenz und Mailand. Ich hatte meiner Herrschaft nun schon vier Jahre gedient. Ich hatte es gut und erhielt alles, was ich brauchte, nur die Entlöhnung war zu gering, Ersparnisse hatte ich jedenfalls noch keine machen können. So beschloss ich, die Stelle aufzugeben.

1905 fand ich eine neue Anstellung als Dolmetscher und Reisebegleiter beim Reisebüro Cook, einem weltbekannten Unternehmen, das Filialen in vielen Ländern besass. Meine Arbeitsorte waren London, Paris, Marseille, Dublin mit der internationalen Ausstellung, Mentone, Nizza und Brüssel mit der grossen Weltausstellung.

Foto etwa aus dem Jahr 1950. Hinter dem Wohnhaus das neue Bienenhaus.

1912 wechselte ich wieder ins Hotelgewerbe, diesmal nach Stresa. Das Geld floss überall reichlich, nur nicht in meine Tasche. Nach einem Aufenthalt am Heinzenberg zog es mich wieder weiter als Concièrge nach Nizza, dann nach Luchon am Fusse der Pyrenäen. 1914 brach der Erste Weltkrieg aus. So entschloss ich mich schliesslich, der ganzen Geschichte den Rücken zu kehren und mich in die Heimat zurückzuziehen, wo es viel Arbeit gab, die mich erfüllte. Seit der Rückkehr aus Frankreich bin ich nie mehr über die Kantonsgrenze hinausgekommen. Am 2. April 1923 verheiratete ich mich mit Eva Brunold von Peist und gründete eine eigene Familie. Ich trat damit in den landwirtschaftlichen Betrieb der Familie meiner Frau ein und fand liebevolle Aufnahme. Mein langgehegter Wunsch, Bienenzüchter zu werden, durfte schliesslich auch in Erfüllung gehen. So fühlte ich mich im Schanfigg während meiner letzten vierzig Jahre glücklich und hatte Freude an meiner Arbeit in der Landwirtschaft und der Bienenzucht. Und meine sechs lieben Enkel sorgen für Unterhaltung und Betrieb.

Eva Donau-Brunold, geb. 1888, gestorben1956,

Padrutt Donau-Brunold, geb. 1876, gestorben 1969